Unsere Bischöfin

Silvia Pfeifer zum Vorschlag, reformierte Bischöfe einzusetzen

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Dr. Silvia Pfeiffer
Gottfried W. Locher
Forumsdiskussion

Gibt es bald reformierte Bischöfe? Wenn es nach Gottfried W. Locher ginge, ja.
Er ist Leiter Aussenbeziehungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), sitzt somit in der obersten Kirchenleitung und hat in einem Interview in der "reformierten Presse" seine Idee der Bischöfe erläutert.

ref-sh.ch hat Kirchenratspräsidentin Silvia Pfeiffer (wirklich, Bischöfin wäre einfacher zum Schreiben) gefragt, was sie davon halte. An sich kann sie der Idee etwas abgewinnen: vielleicht würde das die reformierte Beliebigkeit eindämmen - eine Beliebigkeit, die sie beschreibt: "Beim Abendmahl wird das Brot zum Osterhasen, der Wein zu Coca Cola."


Die Bischöfin
Gedanken zum Bischofsamt in der Vorstellung von Gottfried W. Locher, Leiter Aussenbeziehungen des SEK.


Von Silvia Pfeiffer, Kirchenratspräsidentin und Ratsmitglied des SEK

Gottfried W. Locher ist ein theologischer Denker von ganz besonderem Format. Er ist Visionär und Pragmatiker zugleich. Ich mag ihn sehr und schätze ihn ausserordentlich als theologischen Vordenker, Mitarbeiter im SEK und als Freund. Seine Vision eines reformierten Episkopats erstaunt und schockiert vielleicht in einer Volkskirche ohne hierarchische Strukturen, in der jeder selbst denkt in ultraföderalistischem Selbstverständnis und den reformatorischen Grundsatz der „Ecclesia Semper Reformanda“ in einer Freiheit auslegt und lebt, die an Wildwuchs denken lässt. Beim Abendmahl wird das Brot zum Osterhasen, der Wein zu Cocacola. Die Basis entscheidet, was reformiert ist. Getauft wird in aller Eile oder halt gar nicht, wenn die Konfirmation eines ungetauften Jugendlichen oder einer Jugendlichen ansteht. Verbindlichkeit wird klein geschrieben, auch wenn demokratisch gefällte Synodeentscheide rechtssetzenden verbindlichen Charakter haben. Der refomierte selbstdenkende Gemeindeindividualismus wird oft über die Rechtsetzung erhoben. Ich erinnere an den Umgang mit dem Unterrichtsdekret. Der Kirchenrat hat die Aufgabe über die Einhaltung der Kirchengesetzgebung zu wachen – wenn er denn gerade zufällig von Abweichungen erfährt. Das Ordinationsverständnis ist von Kirche zu Kirche ein anderes. Wer ordiniert wird ausser den Pfarrerinnen und Pfarrern und mit welchem Ordinationsverständnis bleibt den Kirchen überlassen.

Gottfried Lochers episkopales Kirchenverständnis fordert, wenn ich das richtig sehe, mehr Verbindlichkeit, die sich insbesondere auf die innere und äussere Wahrnehmung unserer Kirche verstärkend auswirken würde. Er sieht dabei auch eine verbesserte Basis für die Ökumene. Mehr Verbindlichkeit erleichtert das ökumenische Gespräch, weil die Partnerkirchen wissen, worauf sie sich im ökumenischen Dialog einlassen und welche Gemeinsamkeiten zu einer tragfähigen Gemeinschaft beitragen, und welche Eigenständigkeiten in gegenseitigem Respekt bestehen bleiben.

Der reformierte Episkopat würde aber auch eine verstärkte Pfarrzentrierung unserer Kirche bringen, der dem Gedanken des allgemeinen Priestertums in der Volkskirche entgegenwirken würde. Der Episkopatsgedanke ist dem schweizerischen Prostetantismus fremd und hätte wohl auch keine Chance im säkularisierten Denken der reformierten Bevölkerung. Gleichwohl haben wir darüber nachzudenken, wie unsere Kirche in ihrer volkskirchlichen Gestalt zu mehr Verbindlichkeit finden kann, ohne ihre Individualität in spiritueller Hinsicht oder in Fragen der Liturgie zu verlieren. Es dürfte eine Gratwanderung werden, dem schweizerischen Protestantismus ein Gesicht zu geben, das Konturen festhält, ohne die belebende Mimik jedes einzelnen Gesichts zu verwischen.
Wie heisst es so schön im Geleitwort des Kirchenrates zum letzten Zehnjahresbericht: „Kirche bedeutet Leben, Gemeinschaft, Bekenntnis mit tausend Facetten“. Das Zitat stammt von mir, darf aber hinterfragt werden.


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Dr. Silvia Pfeiffer
Gottfried W. Locher
Forumsdiskussion

Interview mit Gottfried W. Locher

Die Fragen stellte Monika Dettwiler, Reformierte Presse

Reformierte Presse: Wie erklären Sie sich die emotionalen Widerstände gegen ein reformiertes Schweizer Bischofsamt?
Gottfried W. Locher: Ich bin froh, endlich selber sagen zu können, worum es mir geht – und ich glaube, es geht um etwas Wichtiges. Nur: es geht nicht um Titel, nicht um Hierarchisierung,
nicht um Entmündigung und bestimmt nicht um Männerdominanz.
Mein Vorschlag ist unspektakulär: stärken wir ein Amt, das uns eine geistliche Stimme gibt. Noch nichts ist damit über dessen Kompetenzen, Autorität, Machtbefugnisse gesagt. Wir haben
ja eine reformierte Tradition der Kirchenleitung von unten, und die ist kostbar, zukunftstauglich und unbestritten. Nur müssen wir neu überlegen, welche Instrumente diese Kirchenleitung von unten heute braucht.
Reformiert kann ja nicht heissen, wir lassen alles beim Alten – oft noch mit dem fragwürdigen Zusatz: Hauptsache, es ist nicht katholisch. Vielleicht müssen wir den reformatorischen Leitspruch Semper Reformanda wieder ernster nehmen. Dann können wir unsere Emotionen auf die dringend nötige Erneuerung unserer Kirche lenken. Wir wollen ja keine museale Kirche, oder?
Welches bestehende Bischofsamt sehen Sie als Vorbild? Gibt es irgendwo auf der Welt ein Bischofsamt, so wie Sie sich das für die Schweiz wünschen?
Das kann es gar nicht eins zu eins geben. Nur die reformierte Tradition kennt eine so konsequente Kirchenleitung von unten. Da steckt wohl auch viel Ureidgenössisches drin, nicht nur hehre Theologie. Darauf sollten wir Rücksicht nehmen beim «Reformieren».
Aber das Amt einer reformierten Bischöfin wäre schon aus eigener Tradition heraus logisch. Denn in jeder Kirchgemeinde gibt es ja auch nicht nur die Kirchenpflege, sondern eine Pfarrerin. Administrative und geistliche Leitung ergänzen sich so. Administration ohne Geist ist trostlos und Geist ohne Adminis- tration chaotisch.
Genau darum ginge es: dass wir auch auf der Ebene der Landeskirchen nicht nur einen Kirchenrat, sondern eine geistliche Stimme, eine wirkliche Pfarrerin haben – administrative und geistliche Leitung im Gleichgewicht eben. Im Moment haben wir eine Zwitterlösung: ein bisschen kollektive Führung, aber doch immer auch einen Halbbischof drin, weshalb die Präsidentinnen und Präsidenten gewöhnlich ordiniert sind. Laut vielen Kirchenordnungen würde das Amt eigentlich auch Laien offen stehen.
Deshalb wäre es ehrlicher, transparenter, administrative und geistliche Leitung zu unterscheiden, wie in jeder Kirchgemeinde auch. Wir hätten dann einen Kirchenrat, der endlich einmal von Nichtordinierten präsidiert werden kann – ohne pseudobischöfliche Aufgaben. Denn um die kommen wir offensichtlich nicht herum, ob wir dem Amt nun Synodalrats-, Kirchenrats-, Kirchenpräsident oder wie auch immer sagen.
Und wir hätten zweitens eine geistliche Leitung, die diesen Namen auch verdient. Sie könnte freier als heute Stimme des Evangeliums sein und so auch ein kreatives Visavis zur eigenen Kirchenadministration werden.
Solche Modelle gibt es: ich denke vor allem an die Anglikanische Kirche. Synodalrat und Bischof haben dort klar getrennte Aufgaben, nach innen wie nach aussen. Aber auch manche lutherische Kirche kennt eine solche Aufgabenteilung. Wir müssen uns jedenfalls davon lösen, unsere Vorstellungen vom Bischofsamt ausschliesslich am römisch-katholischen Modell auszurichten.
Die vielleicht bekannteste evangelische Theologin in Deutschland, Margot Kässmann, ist übrigens genau das: Bischöfin, und darüber hinaus noch Mutter von vier Kindern.

In Ihren Thesen schreiben Sie, das Episkopat bringe eine Verkirchlichung der Hierarchie und schaffe eine geistliche Stimme. Liegt nicht genau da das Problem, dass reformierte Pfarrer und Laien gar keinen Bischof mit geistlicher Autorität haben wollen?
Das kommt darauf an, was mit geistlicher Autorität gemeint ist. Dass ich dabei nicht ein hierarchisches Diktat über den rechten Glauben im Kopf habe, ist hoffentlich klar geworden. Wieder hilft der Vergleich mit der Kirchgemeinde: auch die ist auf eine Pfarrerin angewiesen, die die Menschen für das Evangelium begeistern kann, die aus der Theo- logie Lebenswahrheit macht, die auch mal christlichen Klartext spricht, wenn es drauf ankommt. Das verstehe ich unter geistlicher Autorität.
Auch die Leitungen der Landeskirchen wären auf solche geistlichen Autoritäten angewiesen, sonst verkommen sie zu Verwaltungseinheiten. Administration ist nur die eine Hälfte dessen, was heute an kantonaler und nationaler Kirchenleitung nötig ist. So wie jede Gemeindepfarrerin etwas Geistliches zu sagen hat, so hätten auch «Gesamtkirchen-Pfarrerinnen» etwas zu sagen. Nur wäre ihre Öffentlichkeit eine viel grössere. Eine
solche geistliche Autorität wünschen sich, so glaube ich, viele Menschen: eine Frau oder einen Mann mit Charisma, einen Menschen, der mit seiner Person öffentlich für die Botschaft unserer Kirche einsteht.


Thesen zum Episkopat:
1. Der reformierte Episkopat steht, wie jedes ordinierte Amt, Männern und Frauen offen.
2. Der reformierte Episkopat ist nicht Abbild des römisch-katholischen Episkopates. Er trägt eine ökumenisch verantwortliche, aus reformierter Kirchenlehre heraus entwickelte Form.
3. Der reformierte Episkopat bringt keine Hierarchisierung der Kirche, sondern eine Verkirchlichung der Hierarchie.
4. Der reformierte Episkopat schafft eine reformierte geistliche Stimme auf Kirchenebene.
5. Der reformierte Episkopat fördert das Gleichgewicht zwischen kollegialer Verantwortung und persönlichem Charisma.
6. Der reformierte Episkopat stärkt die öffentliche Wahrnehmung unserer Kirche.
7. Der reformierte Episkopat fördert die Ökumene.
8. Der reformierte Episkopat stärkt die Gemeinschaft der Pfarrerinnen und Pfarrer.

Bekommt der Bischof als administrativer und geistlicher Führer nicht eine unreformiert starke Macht? Hätte eine solche Persönlichkeit überhaupt noch Bezug zur Basis?
Die Machtfrage ist wichtig. Nein, eine reformierte Bischöfin hätte immer nur so viel Macht, wie ihr die «Kirchenleitung von unten» zugesteht. Viel wäre das nicht, denn die administrative Kirchenleitung bleibt in kollektiven Händen. Auch wäre wohl eine zeitliche Befristung gut, eben wie im Pfarramt. Aber es ist wie überall: Macht heisst Verantwortung. Wenn wir niemandem Macht geben, trägt niemand Verantwortung. Und wir bräuchten dringend eine gesamtkirchliche Stelle, die geistliche Verantwortung übernimmt.
Was den Bezug zur Basis angeht, kann man auch fragen: Wie viel Bezug zur Basis hat denn ein Synodalrat? Vielleicht wäre eine Bischöfin umgekehrt viel stärker die Stimme der Basis in der Kirchenleitung. Der gegenseitige Bezug würde dann besser, nicht schlechter.

Laut Ihrer These 6 soll der reformierte Episkopat die öffentliche Wahrnehmung unserer Kirche stärken. Verstehen Sie darunter Bischofshut und Ornat?
Nein, ich verstehe darunter ein als solches erkennbares Spezialpfarramt. Dazu gehört: eine eindeutige Bezeichnung. «Pfarrer» ist eben eigentlich irreführend, weil es da um die Kirchgemeinde, die «Pfarrei» geht. Ebenso unpassend finde ich «Kirchenrats- oder Synodalratspräsidentin», weil es da um etwas anderes geht. Dieses Amt bleibt in jedem Fall bestehen: das Präsidium der strategischen Kollektivbehörde.
Wissen Sie, wir können gern unsere eigenen Titelversuche weiterpflegen. Es hat auch etwas Belustigendes, wenn wir krampfhaft einen Titel vermeiden, der für dieses Amt ökumenisch Konsens ist. Die Bezeichnung ist Mittel zum Zweck, nicht mehr. Allerdings fehlt uns halt dann dieses Mittel, zum Beispiel wenn es um öffentliche Stellungnahmen geht.

Der reformierte Episkopat fördert die Ökumene, lautet Ihre These. Ist nicht gerade die Ökumene eine Aufgabe der Kantonalkirchen und der Kirchgemeinden?
Die Ökumene ist nicht Aufgabe, sondern Wesensart der Kirche. Wir können Ökumene nicht «machen». Wir können bestenfalls versuchen, ihr nicht im Wege zu stehen. Ökumene hat mit dem gemeinsamen kirchlichen Leben zu tun. Insofern ist daran nach reformiertem Verständnis zuerst und zuletzt die Basis, die Gemeinde, beteiligt. Aber auch hier gilt: Kirche ist mehr als Gemeinde. Schliesslich halten auch die Reformationskirchen am Bekenntnis zur «einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche» fest.
Ökumene beginnt an der Basis. Soll sie aber verbindlich werden, müssen Kirchenleitungen miteinander verhandeln. Verhandeln ist eine Sache unter dazu beauftragten Menschen. Alle Kirchen, die den Episkopat kennen, sehen die Ökumene als eine bischöfliche Aufgabe an. Es wäre ein starkes ökumenisches Zeichen, unsere Basisökumene durch die Leitungsökumene zu ergänzen, indem wir das Ökumeneamt einführen.

Zu Ihrer These 8, der reformierte Episkopat stärke die Gemeinschaft der Pfarrerinnen und Pfarrer: Angesichts der Krise der Pfarrvereine stellt sich die Frage, ob eine Förderung der Gemeinschaft der Pfarrpersonen überhaupt gewünscht wird.
Das müssen Pfarrerinnen und Pfarrer beantworten, und zwar nach demokratischen Spielregeln. Ich kann also als Pfarrer nur für mich selbst sprechen: Ich wünschte mir eine geistliche Stimme, die mir die Freiheit zum Selberdenken lässt. Aber ich wünschte mir auch eine geistliche Stimme, die ich als Autorität achten kann, einen Menschen, der mich als Gemeindepfarrer herausfordert und hinterfragt. Ich wünschte mir einen Vorgesetzten, der nicht nur Budgetprobleme und Umstrukturierungen im Kopf hat, sondern die grossen Fragen unserer Zeit, die Lebensfragen auch, mit denen ich tagaus, tagein zu tun habe. Ich wünschte mir einen Bischof, der meine kirchliche Arbeit vor Ort in einen grösseren Zusammenhang stellt, sie bekannt macht und für meine Arbeit einsteht. Ganzheitliches Kirchesein, in der Gemeinde, in der Landeskirche, in der Schweiz, als weltweite reformierte Kirchenfamilie, in der Ökumene: das steckt hinter den Überlegungen zum Bischofsamt.

publiziert am 13. Februar 2004




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Silvia Pfeifer zum Vorschlag, reformierte Bischöfe einzusetzen

Gibt es bald reformierte Bischöfe? Wenn es nach Gottfried W. Locher ginge, ja.
Er ist Leiter Aussenbeziehungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), sitzt somit in der obersten Kirchenleitung und hat in einem Interview in der "reformierten Presse" seine Idee der Bischöfe erläutert.

ref-sh.ch hat Kirchenratspräsidentin Silvia Pfeiffer (wirklich, Bischöfin wäre einfacher zum Schreiben) gefragt, was sie davon halte. An sich kann sie der Idee etwas abgewinnen: vielleicht würde das die reformierte Beliebigkeit eindämmen - eine Beliebigkeit, die sie beschreibt: "Beim Abendmahl wird das Brot zum Osterhasen, der Wein zu Coca Cola."
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